Archiv für Oktober 2007

Kleine Orte brauchen mehr Erholung

30. Oktober 2007

Neulich bei einer Debatte, bei der es um Straßenneubau ging, stellte ich etwas seltsames fest: wenn man in Großstädten wie Berlin von Naherholung spricht, dann meint man in der Regel den am nähesten gelegenen Park oder das Ufer des Flußes oder Sees. In der Regel sind diese Flächen nicht recht Groß, vor allem wenn man sie im Verhältnis zur Anzahl der Bewohner in unmittelbarer Umgebung betrachtet.

Hört man sich so manchen Bürgermeister oder Vertreter einer kleinen Gemeinde an, dann wird die als notwendig erachtete – und damit schützenswerte – Naherholungsfläche um so größer, je kleiner der Ort ist, der argumentiert.

Migration – Religion – Integration

24. Oktober 2007

Das auf sozialwissenschaftliche Forschung spezialisierte Marktforschungsunternehmen Sinus Sociovision hat in seiner neusten Untersuchung qualitativ-psychologische Studie zu den Lebenswelten von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland durchgeführt (hier als pdf herunterladen). Deren Ziel war es, die Alltagswelt von Migranten, ihre Wertorientierungen, Lebensziele, Wünsche und Zukunftserwartungen besser kennen zu lernen.

Das Ergebnis der Studie widerlegt viele negative Klischees über Einwanderer und unterstreicht, daß diemeisten Migranten um Integration bemüht sind. Auch spielt der Einfluß der Religion seltener eine großte Rolle als landläufig angenommen. Die Familien lebten zwar oft zurückgezogen und man könne eine gewisse Spaßlosigkeit konstatieren. Alles werde sehr ernst genommen und es gebe ein strenges Korsett, wonach die Heimatkultur, die Zugehörigkeit zu dieser sowie die zum Teil strenge Hierarchie innerhalb der Familien im Vordergrund stünde.

Eine besonderen Hang zur Religiösität könne jedoch nicht konstatiert werden, vor allem nicht bei den jüngeren Migranten. Je älter diese würden, desto stärker würden sie sich, zum Teil auch aus Enttäuschung über das harte Leben in der Immigration, ins Religiöse zurückziehen.

Vor allem die jüngeren Migranten der zweiten und dritten Generation verstehen ihren Migrationshintergrund und die Mehrsprachigkeit als Bereicherung für die Gesellschaft. Hier ist aber natürlich auch wichtig, daß sie mit ihren Fähigkeiten in die hiesige Gesellschaft akzeptiert und aufgenommen werden. Integration, auch das zeigt die Studie, ist in diesem Falle abhängig vom Bildungsgrad. Je höher der Bildungsstand des Migranten, desto leichter fällt die Integration. Ein wichtiges Moment hierbei wird der Spracherwerb sein, der Integration erleichtert. Aber auch Offenheit gegenüber der fremden Kultur und Interesse an der Umwelt gehören zu diesem Aspekt. Die Studie zeigt: Integration kann, anders als vielfach in schwarzen Farben ausgemalt, durchaus gelingen.

Und ewig rasselt die Medienmühle

11. Oktober 2007

Was ich an der ganzen Causa Herman schade finde, ist, daß die eigentlich wichtige Feststellung wieder einmal mehr im bundesdeutschen Medienmüll untergeht: es bedarf eines gesellschaftspoplitischen Sinneswandels im Miteinander der Menschen sowie in der Familien- und Sozialpoitik. Eine ganze Reihe von Themenfelder sind dabei betroffen: die Jugend-, Integrations- und die Seniorenpolitik.
In vielen Jahren der Individualgesellschaft wurden deren Nachteile deutlich zu Tage gefördert. In Umfragen erkennt man die sich häufenden Forderungen der Jugendlichen nach mehr Gemeinsamkeit und gegenseitiger Anerkennung. Das Miteinander muß wieder mehr im Mittelpunkt stehen. Wie wollen wir zukünftig insbesondere die Anforderungen einer „Gesellschaft der Alten“ meistern, wenn nicht durch ein Mehr an Miteinander. Und ohne Regelungen des Miteinanders wird auch Integration nicht gelingen.

Ich bin ausdrücklich nicht der Meinung von Frau Herman, daß Kinder alleine zusammen mit ihrer Mutter anständig aufwachsen. es wird kein Zurück von der Kinderbetreuung hin zur alten Familienstruktur geben können, das ist unrealistisch. Wohl dem ist die klassische Rollenvrteilung in Familien sicherlich noch anzutreffen. Wir leben in einer freien Gesellschaft, in der sich jedes Elternpaar aussuchen kann, wie diese Dinge gestalten möchte.
Kinder brauchen zum Aufwachsen aber in jedem Falle auch Altersgenossen, aber nicht nur. Wir brauchen weder das eine noch das Andere nur. Das ist einer der fatalen Fehler von Frau Herman – die Pauschalisierung in ihrer Argumentation.

Eva Hermans Argumentation ist von Anfang an durch diesen naiven missratenen Halbsatz entstanden, der so richtig überflüssig war. Er spricht nicht für die Überlegtheit der Autorin. Für die Debatte darum, wie man mehr Miteinander statt Individualismus in die Gesellchaft bekommt, braucht es keine Vergleiche, denn sie ist akut. Akut in der Gesellschaft debattiert und akut was den Handlungsbedarf angeht.

Die Folgen waren abzusehen

Es zeichnet unsere Gesellschaftsdebatten aus, daß sie immer an Irrelevantem hängen bleiben, über das man im Laufe der größeren Argumentation stolpert. Frau Herman wird wegen ihrer Thesen sicherlich keine Professur angetragen, aber faschistoid ist sie nun auch wieder nicht, vielleicht wäre unklug ein geeigneterer Begriff.

Es scheint, als interessiere sich bald keiner mehr für ihr Anliegen, weil das Thema bereits medial mit Mutterkreuz beerdigt wurde. Thea Dorn difamierte es gar als „Das Eva-braun-Prinzip“(taz vom 30.11.2006). Hendrik M Broder faßt in seiner TV-Kritik auf Spiegel online sehr lesenswert die derzeit laufenden Medien- und Gesellschaftsmechanismen zusammen.

Eva Hermans Bücher sprechen einige grundsätzliche Thesen an, die es zu diskutieren lohnt. Frau Herman hat dabei durchaus ihre Anhänger, wie die bejubelte Rede vor dem Forum Deutscher Katholiken beweist. Im Grunde ist es ein klassisches konservatives Thema, das nur dort nicht so öffentlich diskutiert wird. Es wäre aber an der Zeit, sich solcher gesellschaftspolitischer Themen zu stellen. So ist leider nur ein wichtiges Zukunftsthema verheizt worden, wohl mehr aus Unwissenheit und Naivität als aus Absicht.

Eines öffentlich-rechtlichen Tribunals, wie bei der Johannes B Kerner Show hätte es jedenfalls nicht bedurft. Anstatt Entschuldigungen einzufordern hätte man vielleicht die Grundthesen herausarbeiten sollen, dann hätte sich der Rest von alleine als purer Nonsen herausgestellt. Es mag so manches Krudes an den Thesen der Eva Herman sein, dennoch ist es schade.

Oswald Mathias Ungers ist tot

4. Oktober 2007

Der Architekt des Speyrer Domplatzes ist am vergangenen Sonntag im Alter von 81 Jahren gestorben. Viele bekannte Gebäude des Architekten stehen in der Region, wie etwa das Torhaus zur Messe Frankfurt, die Badische Landesbibliothek in Karlsruhe, das Dienstgebäude der Bundesanwaltschaft in Karslruhe oder die Gestaltung des Basilikavorplatzes in Trier.

Seine bekanntesten Bauten sind sicherlich das Wallraff Richartz Museum in Köln oder das Bürohaus in der Berliner Friedrichstraße.

Sein Stil war unverkennbar. Er beruhte immer wieder auf dem Quadrat als Grundform. So kann man es auch auf dem Speyrer Domvorplatz beobachten. Vielen war dieser Stil zu nüchtern, zu langweilig. Andere empfanden ihn als eine wohltuend zurückhaltende Moderne.

Der Speyrer Domvorplatz ist in meinen Augen eine richtungsweisende Platzarchitektur. Sie verzichtet auf vorgeschriebene Verkehrsräume für Autos, Menschen oder Fahrräder. Auf diesem Platz steht das Miteinander im Mittelpunkt. Alle Verkehrsteilnehmer müssen aufeinander achten und Rücksicht nehmen, da jeder die gleichen Rechte hat. Auf Behördendeutsch wurde dieses Straße als Spielstraße deklariert – ein völlig unpassender Begriff, zumal die Gestaltung des Platzes einen verkehrstechnischen Hinweis gar nicht nötig hat. Sie ist schon so optimal, daß es keine ruhigere Spielstraße weit und breit gibt.

(siehe auch Pressemitteilung)

Der 3. Oktober gehört allen!

2. Oktober 2007

Der Tag der Deutschen Einheit naht und ganz Speyer ist in heller Aufregung. Die NPD hat im Ort eine Demonstration angemeldet. Sie hat es zwar auch in allen anderen kleineren und größeren Gemeinden um Speyer herum – die Taktik mag einem nicht ganz einleuchten. In Speyer zumindest hat man sie erst einmal verboten, wogegen derzeit eine Klage anhängig ist.

Die nun reflexartig organisierte Demonstration mag der richtige Ausdruck dafür sein, wie sehr man diese Partei und deren krude Ideologie ablehnt. Aber eigentlich macht man doch genau das Falsche. Man nutzt den Tag der Deutschen Einheit, um gegen die NPD zu demonstrieren. Man räumt ihnen mal wieder den Mittelpunkt des Geschehens, alles dreht sich um Rechtsradikalismus.

Dabei sollten sich die Deutschen an diesem Tage freuen. Sie sollten hinaus gehen oder sich mit Freunden treffen und froh sein, über das, was dieses Land erreicht hat: eine friedliche politische Revolution und die anschließende doch zum allergrößten Teil gelungene Wiedervereinigung! Der Tag der Deutschen Einheit ist ein Freudentag für alle Deutschen. Eigentlich sollten wir an diesem Tag auf die Straße gehen und ein Bürgerfest zur Einheit feiern, parallel zur eventuell stattfindenden Demonstration der NPD. Quasi als Gegendemonstration der Freude gegenüber all dem dumpfen, rückwärtsgewandten, negativen Lebensgefühl der Rechtsradikalen. Es wäre ungleich ausdrucksstärker als eine Gegendemonstration und Verbote – es wäre wirklich patriotisch. Der Tag der Deutschen Einheit scheint noch nicht als republikanischer Freudentag verinnerlicht worden zu sein.