Eine polemische These: Wir haben einfach zu lange keinen Krieg mehr gehabt. Wir haben zu lange keine Zeit der großen Not gehabt, in der wir merken, wie abhängig wir von wirtschaftlichem Handeln sind.
Unser ganzes Leben können wir uns derzeit nur leisten. Wir können uns die Entscheidungsfreiheiten leisten, Themen wie etwa dem Umwelt-, Gesundheitsschutz oder Sozialthemen bei allen Entscheidungen großen Raum zu geben. Wir erkaufen uns diese Entscheidungsfreiheit über unseren erarbeiteten Wohlstand.
Wir sind alle im Laufe der letzten 30 Jahre schlauer geworden. Themen wie Umwelt-, Gesundheitsschutz oder etwa ein soziales Netz sind richtigerweise fester Bestandteil unseres Alltags geworden. Aber es ist die Generation der Gesättigten, die zum Teil nicht mehr arbeiten muß oder deren Einkommen weitestgehend bis zum Lebensende gesichert ist, die heute so tut, als könne man jetzt auch noch den Rest des Lebens damit ausfüllen, sich überwiegend nur noch um diese Themen zu kümmern, die doch eigentlich positive Nebeneffekte unserer momentanen Lebensumstände sind. An die Generation, die später einmal von der wirtschaftlichen Grundlage leben muß, von der redet man derzeit sehr wenig. Man fordert nur schon einmal wie selbstverständlich deren Arbeitskraft ein, um die demographische Schieflage zu meistern.
Dabei ist unsere derzeitige Situation ja nicht neu. Wir belächeln gerne historische Gesellschaften, wie etwa die der Römer, als in ihrer Endphase degeneriert. Man findet diese Art von spätentwickelter Gesellschaft häufig in der Geschichte. Es sind die Fürstentümer, Königreiche oder gar Imperien, die es nicht mehr geschafft haben, die innere Kraft dafür aufzubringen, ihre Grundfeste bis an den Rand ihrer Herrschaftsbereiche auszudehnen und zu halten. Es waren zum Teil genauso satte Gesellschaften wie unsere derzeitige. Im Prinzip befinden wir uns genau in dem gleichen degenerativen Zustand, weil wir uns nicht mehr der eigenen Grundfeste erinnern, auf der wir uns die Entscheidungsfreiheiten ermöglicht haben: auf Wohlstand.
Stattdessen beklagen wir unhaltbare Umweltzustände in Entwicklungsländern, offenbaren unser Unwissen darüber, daß man dieses Thema in diesen Ländern häufig aus rein wirtschaftlichen Gründen nicht in den Mittelpunkt stellen kann. Was die Sache noch schlimmer macht ist, daß wir uns sogar darüber beklagen, daß diese Länder als Profiteure der Globalisierung es sich nunmehr leisten können. Tun wir dies, weil wir uns davon entfremdet haben, daß Wohlstand erarbeitet werden und die Arbeit daran fester Bestandteil unseres Lebens sein muß?
Schlagworte: Gesellschaftspolitik, Wohlstand